Wie sehr planen und steuern Kommunen nach Wirkung? Wir haben mit Herrn Michael Löher gesprochen, Vorstand des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge e.V. und Mitglied im Beirat der PHINEO gAG.
Herr Löher, welche Rolle spielt Wirkungsorientierung bislang in der kommunalen Unterstützung für Kinder und Familien?
“Niemand sperrt sich gegen Wirkungsorientierung. Nach meiner Erfahrung nehmen Kommunen den Blick auf das, was wirkt, sehr ernst. Das zeigt die Tatsache, dass immer wieder neue Konzepte entwickelt werden, Dinge ausprobiert und neue Zielgruppen adressiert werden. Allerdings erfordert Wirkungsorientierung fachliche Kompetenzen und zeitliche Ressourcen. Es ist anspruchsvoll, Wirkungsziele, ‑indikatoren und –messung jedes Mal zu definieren und nachzuhalten. Hier ist in den Kommunen, aber auch bei den Leistungserbringern, noch Luft nach oben. Und gerade die Landesjugendämter, die eigentlich für die nötige Qualifizierung sorgen sollen, haben sich aus vielen Aufgaben zurück gezogen. Nach meiner Einschätzung müssten künftige Fachkräfte die Grundlagen für wirkungsorientierte oder ergebnisorientierte Steuerung noch mehr an der Hochschule lernen, neben psychosozialen und sozialwissenschaftlichen Inhalten.”
Das Zusammenspiel von kommunaler Verwaltung, Trägern und Politik ist eine der größten Herausforderungen für eine wirksame Jugendhilfe. Kann Wirkungsorientierung als Bindeglied funktionieren?
“Dass für eine erfolgreiche Kinder- und Jugendhilfe öffentliche und freie Träger zusammenspielen müssen, ist im Sozialgesetzbuch (§ 4 SGB VIII) explizit verankert. Wirkungsorientierung als Bindeglied kann ihre Aufgabe erfüllen, wenn man sich über die Begriffe Wirkung, Wirksamkeit und Wirkungsorientierung verständigt hat. Wie verstehen wir Wirkung? Was wollen wir erreichen, was ist unser strategisches Ziel? Wirkungsorientierung sollte als Chance verstanden werden, Leistungen in einem fachlichen Dialog weiterzuentwickeln. Die Beteiligten brauchen eine ergebnisoffene Haltung bezogen auf den Planungsprozess und dessen Resultate. Ich beobachte allerdings, dass man vor Ort auf beiden Seiten hier sehr unterschiedlich weit ist. Nicht selten wird Wirkungsorientierung als Controlling-Instrument verstanden oder mit Einsparungen assoziiert. Das ist keine gute Grundlage für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit der Partnerinnen und Partner.”

Wo und warum sehen Sie Grenzen von Wirkungsorientierung in der kommunalen Planung und Steuerung?
“Die Grenzen liegen für mich klar in der Messbarkeit von Wirkung. Viele Faktoren beeinflussen die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen und oft stellt sich die Wirkung eines Angebots erst nach längerer Zeit ein. Bei präventiven Maßnahmen ist es sogar noch schwerer bis unmöglich, Effekte nachzuweisen. Die Gefahr besteht dann, dass Kommunen auf Maßnahmen setzen, die kurzfristig Veränderung zeigen und Leistungen vernachlässigen, die ihre Wirkung über lange Zeit entfalten. Kommunale Planung sollte sich meiner Meinung nach auf die Evaluation einzelner Konzepte und Methoden und auf Langzeitbeobachtungen stützen. Ähnliches gilt für Wirkungsindikatoren. Indikatoren können Transparenz schaffen und eine Diskussion darüber anregen, was hilft. Sie sind aber kein Selbstzweck und vor allem kein objektiver Bewertungsmaßstab. Wenn Wirkungsorientierung zum Fetisch erhoben wird, ist es kontraproduktiv.”
Wer kann und sollte nach Ihrer Meinung eine wirkungsorientierte Planungspraxis in Kommunen vorantreiben?
“Es sollte im ureigenen Interesse von Jugendämtern liegen, Wirkungsorientierung im Blick zu haben. Sie wollen ihrem Hilfeauftrag nachkommen und sparsam mit Ressourcen umgehen. Aber auch Träger sollten dieses Interesse haben. Die Jugendämter sind verantwortlich, den Dialog zwischen den Beteiligten zu fördern. Wichtig ist, dass nicht der Eindruck entsteht, die veränderte Planungspraxis diene ausschließlich dem Sparen. Dann würde das Vorhaben auf wenig Akzeptanz bei den Trägern stoßen und wäre wohl nicht erfolgreich. Eine moderne Verwaltung zeichnet sich dadurch aus, dass sie über Methoden und Strategien einer integrierten Planung verfügt und eine entsprechende kooperationsbereite Haltung zeigt. Hier schließt sich der Kreis zu den genannten fachlichen und zeitlichen Ressourcen. Für mehr Wirkungsorientierung brauchen Kommunalverwaltungen mehr personelle Ressourcen.”